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Full text of "Die Harmonie der Spharen in Ciceros Traum des Scipio"

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Die Harmonie der Sphären in 
Ciceros Traum des Scipio. 






Von 

Professor Dr. Volkmann. 



Sonderabdrnck ans dem 85. Jahresbericht der Schlesischen Gesellschaft 
für vaterläadische Cnltur. 



Breslau 1908. 

G. P. Aderholz' Buchhandlung. 




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Die Harmonie der Sphären in Ciceros Traum des Scipio. 

Von 
Professor Dr. Yolkmann. 

1. 

Hinaus über alle Schranken der Endlichkeit hebt der Traum den 
Scipio enq)or, hinaus bis über die Sterne zu den Wohnstätten der Seligen 
auf der Milchstraße. Dort begegnet er seinem Großvater, der ihm die kom- 
menden Tage seines Ruhmes, aber auch sein bitteres Ende durch Mörder- 
hand voraussagt. Doch bleibt ihm ein Trost; er erhält die Zusicherung, 
daß alle, die ihr Vaterland lieben und groß machen, dereinst ein herr- 
licher Lohn erwarte. Sie geh^i nach ihrem Scheiden von der EIrde ein 
in das Land der Auserwählten und leben dort in ewiger Freude. Dieses 
Landes Erhabenheit und Schöne schaut nun der Schläfer; sein Führer 
läßt ihn von der Höhe auf die gewaltige und vielgestaltete, dabei fest ge- 
ordnete und in ewiger Harmonie kreisende Schöpfung herabblicken, um 
ihn dann demg^enüber auf die Nichtigkeit und unsägliche Kleinheit alles 
dessen hinzuweisen, was die Menschen bewegt, was ihnen als erstrebens- 
wert und glückbringend erscheint. — Ein Bild großen und tiefen Inhalts 
entrollt sich vor unseren Augen; wir sehen die Unendlichkeit des Welt- 
alls und in ihm die leuchtenden Gestirne, die in donnerndem Laufe ihre 

1907. 1 



Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 



Bahnen durchmessend mit melodischem Klange den weit ausgespannten 
Raum erfüllen. Tief unten aber liegt die Erde, klein und unbedeutend, 
nicht größer als ein Punkt. Nehmen wir hierzu noch den Schwung und die 
Kraft der Rede, die unser Ohr bezaubert, so wird es uns erklärlich dünken, 
daß gerade dieses Stück in Ciceros Schriften zu allen Zeiten seine Be- 
wunderer gefunden hat. 

Dem gegenüber hat die neuere Forschung geglaubt, Ciceros Verdienst 
wesentlich einschränken zu müssen. Nachdem nämlich Corssen in seiner 
ziemlich allgemein beifällig aufgenommenen Dissertation: De Posidonio 
Rhodio M. Tulli Ciceronis in libro I. Tuscul. disput. et in Somnio Sci- 
pionis auctore, Bonn 1878 S. 40 ff. den Nachweis erbracht zu haben schien, 
daß Cicero bei der Abfassung des Traumes vornehmlich irgend ein Werk des 
besagten Philosophen benutzt habe, hat Norden in der Ausgabe und Erläuterung 
des sechsten Buches der Aeneide Vergils S. 29 ff. 47 f. nicht nur das 
die Harmonie der Sphären behandelnde Kapitel des Cicero für Posidonius 
in Anspruch genommen, sondern auch vermutet, daß die ganze äußere 
Einkleidung des Somnium ihm entlehnt sei, mit anderen Worten, daß 
schon Posidonius seine Lehre in der Fassung eines Traumes vorgetragen 
habe. Ganz neuerdings endlich hat Cumont unter dem Einfluß der 
gleichen Hypothese im Archiv für Religionswissenschaft IX, (1906), S. 326 ff. 
(vgl. les r^ligions orientales dans le paganisme romain, Paris 1906 S. 155) 
die Behauptung aufgestellt, Posidonius habe in dieses sein uns von Cicero 
vorgetragenes System, da er ja selbst aus Syrien stammte, orientalische, 
namentlich in seiner Heimat verbreitete religiöse Vorstellungen verflochten, 
wir hätten in dem bei Cicero im höchsten Sternenkreise waltenden summus 
deus den Astralgott der Syrer, den Baal zu sehen. Corssen stützte sich 
auf die gewiß richtige Beobachtung, daß eine Anzahl von Sätzen, die uns 
im ersten Buche der Tusculanen begegnen, im Somnium wiederkehren. 
Da er nun ferner bewiesen zu haben glaubte, daß jenes aus Posidonius 
geschöpft worden sei, so schloß er weiter, auch dieses müsse auf die 
gleiche Quelle zurückgeführt werden. Ich brauche nicht zu erörtern, ob 
sein Urteil über die Tusculanen stichhaltig ist, denn selbst wenn es richtig 
ist, was ich dahingestellt sein lasse, beweisen doch die zum Vergleich 
herbeigezogenen Stellen infolge der jedes charakteristischen Merkmals ent- 
behrenden Allgemeinheit des Inhalts nicht das, was sie sollen. Zugegeben 
daß Tuscul. I, 14, ich wähle eins der besten Beispiele aus, Cicero seine 
Gedanken über die Verwerflichkeit des Selbstmordes, den der Weise im 
allgemeinen scheuen werde, da es nicht recht sei, die vincla corporis, in 
die die Gottheit unsere Seele gebunden habe, ohne höheres Geheiß zu 
sprengen, dem Posidonius entnommen hat, folgt daraus, daß, wenn der 
gleiche Satz im Somnium (§ 15) in der Form wiederkehrt: Nisi deus . . . 
istis te corporis custodiis liberaverit, huc (in den Himmel der Seligen) 
tibi aditus patere non potest. ... Et tibi, Publi, et piis omnibus 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 



retinendus animus est in custodia corporis nee iniussu eius, a quo ille est 
vobis datus, ex hominum vita migrandum est, er nun auch aus dem Posi- 
donius stammen muß? Ähnliche Äußerungen finden wir bei Plato und 
anderen und bei Cicero selbst im Cato maior (73), und noch niemand hat 
behauptet, so viel ich weiß, daß auch dieser dem Posidonius entlehnt 
worden sei. Das gleiche trifft auf die übrigen Beispiele zu, die Corssen 
zur Stütze seiner Vermutung beibringt. Aber selbst gesetzt, daß dieser 
oder jener Satz dem Posidonius entnommen ist, wird dadurch der Beweis 
erbracht, daß nun auch das Ganze seinem Hauptbestandteile nach eben- 
daher stamme? Ich vermag mich also nicht dieser Hypothese anzu- 
schließen, zumal da einzelne Vorstellungen, ich erwähne nur die, daß sich 
die Seelen der Abgeschiedenen auf der Milchstraße versammeln, sicher 
nicht auf Posidonius zurückgehen, sehe vielmehr in dem Somnium eine 
selbständige Arbeit Ciceros, soweit bei ihm von Selbständigkeit die Rede 
sein kann. Er verdankt natürlich sein philosophisches Wissen den 
Griechen, nicht in letzter Reihe dem Posidonius, dessen Schüler er ja auch 
war, und hat dessen Gedanken, ebenso gut wie die anderer, aufgegriffen 
und nach Gutdünken verwendet; zwar nennt er selbst seine philosophischen 
Schriften aTCoypa^a, aber nichts hindert uns, hierunter auch gelegentlich 
Kompilationen, verfaßt im Anschluß an seine griechische Lektüre, zu ver- 
stehen. Für eine solche halte ich wenigstens das Somnium; ob man von 
seinen anderen philosophischen Schriften oder von einigen unter ihnen 
dasselbe behaupten darf, vermag ich vor der Hand nicht zu entscheiden. 
Wsls ich gesagt habe, gilt nur von dem Traum des Scipio. Die in ihm 
vorgetragenen Gedanken sind nicht originell, ebensowenig ist es in ge- 
wisser Beziehung die Form; schon andere vor Cicero haben sich der 
Fiction eines Traumgesichts bedient, um überirdische Geheimnisse irgend 
welcher Art ihren Lesern nahe zu bringen. Er aber hat die ihm von 
außen gewordenen Anregungen mehr oder minder geschickt in durchaus 
freier Weise benutzt und etwas Neues geschaffen, das der Bewunderung, 
die ihm von jeher gezollt worden ist, trotz der, wie wir bald sehen 
werden, ihm anhaftenden Schwächen nicht unwert erscheint. Sollte es 
mir gelingen, dies für den die Harmonie der Sphären behandelnden Ab- 
schnitt nachzuweisen, so ergibt sich von selbst, weshalb meine Ansicht 
von der Nordens und Cumonts abweicht. 

Ich setze zunächst den Abschnitt, der uns fürs erste beschäftigen 
soll, im Wortlaut her: Novem tibi orbibus, erklärt Africanns, vel potius 
globis conexa sunt omnia, quorum unus est caelestis, extumus, qui reliquos 
omnes complectitur, summus ipse deus arcens et continens ceteros; in quo 
sunt infixi illi, qui volvuntur, stellarum cursus sempiterni; cui subiecti sunt 
Septem, qui versantur retro contrario motu atque caelum; ex quibus 
unum globum possidet illa, quam in terris Saturniam nominant. Deinde 
est hominum generi prosperus et salutaris ille fulgor, qui dicitur Jovis; 

1* 



4 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für yat^rl. Cultur. 

tum rutilus horribilisque terris, quem Martium dicit^is; deinde subter 
mediam fere regioncm sei obtinet, dux et princeps et moderator luminum 
reliquorum, mens mundi et temperatio, tanta magnitudine, ut cuncta sua 
luce lustret et compleat Hunc ut comites consequuntur Veneria alter, alter 
Merourii cursus, in infimoque orb(i luna radiis solis accensa convertitur. 
Infra autem iam nihil est nisi mortale et caducum praeter animos munere 
deorum hominum generi datos, su{M*a lunam sunt aeterna omnia. Nam 
ea, quae est media et nona, tellus, neque movetur et infima est, et in eam 
feruDtur omnia nutu suo pondera. 

Der wunderbar poetische Gedanke von der Harmonie der Sph&ren 
verdankt sdne Entstehung bekanntlich den alten Pythagoreem. Sie be- 
sehrSnkten aber den Einklang der Himmelskörper auf die sieben Planeten, 
deren T6ne sie denen de» Heptadiords gleichsetaten, und dachten sich 
die Gestirne in durchsichtigen Kreisen oder Sphären, xuxXoi ^ ofSiXpaiy 
befestigt. Ob dabei alle Sterne von eigentlichen Sphären d. h. Hohlkugeln 
getragen wurden, oder nur die Fixsterne an einer solchen, die Planeten 
hingegen, wie später bei Plato, an reifartigen Kreisen angeheftet sein 
sollten, iWt sich nicht feststellen. Plato dehnte dann die Sphärenharmonie 
im sehnten Buche der Republik, wo er von ihr handelt, seinem astro- 
nomischen System und der inzwischen angeführten achtsaitigen Lyra ent- 
sprechend auf den Fixstemhimmel und die Planeten aus.^) Cicero sagt 
demgegenüber: npvem orbibus vel potius globis conexa sunt omnia. Wir 
haben uns also acht Hohlkugeln, an denen die Gestirne haften, und eine 
Vollkugel, die Erde^ siu denken. Die größte Hohlkugel bildet der Fix- 
sternhimmel. Ihr sind sieben andere untergelagert. Man sollte, nament- 
lich nach der einleitenden Korrektur orbibus vel potius globis, erwarten, 
daß diese Vorstellung festgehalten wird, dem ist aber nicht so. Eine 
Hohlkugel kommt allerdings noch dem Saturn zu, dann aber ist von den 
andern nicht weiter die Rede. Es heiBt nur, darauf kommt der Juppiter, 
der Mars u. s. f. und die Darstellung schließt mit der Bemerkung, daß 
der Mond sich in infimo orbe, also auf dem untersten Kreise bewege. Ich 
sage, die Darstellung schließt an dieser Stelle; wir dürfen vermuten, daß 
die von Cicero benutzte griechische Vorlage hier ein Ende hatte. Denn die 
sich noch anreihende Bemerkung: infra iam nihil est nisi mortale et 
caducum supra lunam sunt aeterna omnia ist ein den Zu- 
sammenhang der Aufkählung nicht gerade glücklich unterbrechender Zu- 
satz, der ohne Schaden entbehrt werden kann, und der letzte Satz: Nam 
ea, quae est media et nona, tellus, neque movetur et infima est, et in 
eam feruntur omnia nutu suo pondera bleibt vor der Hand unverständlich. 
Wir erwarten es werde folgen:' Die Erde ihrerseits ruht als neunte Kugel 
in der Mitte; statt dessen aber lesen wir: Denn die Erde, die mittelste 



1) Zeller d. Phil. d. Griech. I» S. 415. v. Jan PhUolog. LIl. S. 19flF. 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 



und neunte, kommt überhaupt nicht in Betracht,^) da sie sich nicht be- 
wegt u. s. f. Für das System jedoch kommt sie gar wohl in Betracht, 
ja für dieses ist sie unentbehrlich. Cicero ist also ron seiner ersten Ab- 
sicht, uns die Himmelskörper, neun an der Zahl, in geordneter Reihe vor- 
zuführen, abgeirrt; ein anderer Gedanke ist ihm am Schluß dazwischen 
gekommen, und aus diesem heraus hat er die uns fürs erste dunkel 
bleibende Bemerkung angefügt. Diese Andeutungen mögen hier genügen; 
ich hoffe, daß meine folgenden Ausführungen die Sache völlig aufklären 
werden. 

Zunächst habe ich der Darstellung Ciceros einen viel schwerer wiegen- 
den Vorwurf zu machen. Das Weltall, in dessen Mitte die Erde unbeweg- 
lich ruht, wird von dem Fixsternhimmel umschlossen. Er ist der Wohnsitz 
des höchsten Wesens, er ist summus ipse deus. Dies stimmt zur Lehre 
der Stoiker, insbesondere zu der des Posidonius; vgl. Diog. Laert. VII, 139: 
IIoaet8(ovtO( Iv xtp icepl ^(Sv xäv otipovöv <fr)ot xö T^ytjiovtxÄv xoG xoa|&ou 
und 138: odpovÄ^ 8i ^axiv i^ ioxocxY) Tiepupipeta, ^v iJJ icov tSpuxoci x6 
-S-elbv. So weit wäre alles in Ordnung. Aber nun folgt: Zwischen Himmel 
und Erde mediam fere regionem sol obtinet, dux et princeps et moderator 
luminum reliquorum, mens mundi et temperatio. Also die Sonne ist mens 
mundi et temperatio. Was bedeuten diese Worte? Hierüber gibt uns eine 
Notiz in der Naturgeschichte des Plinius II, 6, die mit unserer Cicerostelle, 
was ich im Fortgange der Untersuchung wahrscheinlich zu machen hoffe, 
zusammenhängt, Auskunft. Dort heißt es also : Inter hanc (terram) caelumque 
eodem spiritu pendent certis discreta spatiis Septem sidera, quae ab in- 
cessu vocamus errantia, cum errent nulla minus illis. Eorum medius sol 
fertur, amplissima magnitudine ac potestate nee temporum modo terrarum- 
que, sed siderum etiam ipsorum caelique rector. Hunc esse mundi totius 
animum ac planius mentem, hunc principale naturae regimen ac numen 
credere decet opera eius aestimantes. Hie lucem rebus ministrat aufertque 
^nebras, hie reliqua sidera occultat, inlustrat; hie vices temporum an- 
numque semper renascentem ex usu naturae temperat ; — hie suum lumen 
ceteris quoque sideribus fenerat u. s. f. Also die Sonne ist der animus 
ac planius mens mundi und das principale naturae regimen ac numen 
d. h. die ^X^ "^^^ icavxd^ xal T^yejtovtxo'v. Dem entspricht bei Cicero: 
sol, mens mundi et temperatio. Dann aber haben wir bei ihm eine doppelte 
Gottheit, eine, die hoch oben in den Sternen thront, und eine zweite, die 
mit der Sonne gleichgesetzt wird. Nun sprachen zwar auch die Stoiker 
von Weltseele, Weltvernunft oder von der Ur kraft, die als Hauch, Äther 
oder Wärme beschrieben wird, als der höchsten Gottheit, einige wie z. B. 
Cleanthes verlegten auch das iQyeiiovcxdv in die Sonne, aber immer ist 



1) Nur so ist das ,nam* zu verstehen; vgl. Meissner in seiner Schulausgabe 
des Somnium 4. Aufl. Leipzig 1897 zur Stelle. 



6 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft fQr vaterl. Cultur. 

es ein und dasselbe Wesen, das die gesamte Welt beherrscht, von einem 
Dualismus wie bei Cicero ist, so viel mir wenigstens bekannt, nirgends 
bei ihnen die Rede.^) Vielleicht aber tun wir Unrecht, wenn wir hier an 
die Stoa denken und nicht vielmehr an die Lehre der Neupythagoreer, be- 
sonders da das Somnium erweislich vom Geiste dieser Philosophie beeinflußt 
ist. Einige von ihnen sprachen von dem höchsten, das Weltall um- 
fassenden Gott, der im Äther wohne, was sie nicht hinderte zu behaupten, 
neben dem einen unsichtbaren Gott müßten in den Gestirnen sichtbare 
Götter anerkannt werden, die in seinem Dienste ständen. Andere identi- 
ficierten hinwiederum die Gottheit in stoischer Art mit der Wärme, welche 
von der Sonne aus die Welt durchströmt, wieder andere, die die Gottheit 
ganz von der Welt trennten, nahmen in platonischer Weise die Weltseele 
als Vermittlerin zwischen beiden an,^) aber auch hier kenne ich kein 
System, in dem ein im Äther, also in der Welt wohnender Gott mit der 
Sonne als Weltseele in Verbindung träte. Hätte Cicero selbst ein solches 
gekannt, dann hätte er sich wohl kaum später in den Academica pr., wo 
er in eigener Person das Wort führt, folgendermaßen geäußert (c. 41): 
Zenoni et reliquis fere Stoicis aether videtur summus deus, mente 
praeditus, qua omnia regantur. Cleanthes, qui quasi maiorum est gentium 
Stoicus, Zenonis auditor, solem dominari et rerum potiri putat. Ita 
cogimur dissensione sapientium dominum nostrum ignorare, quippe qui 
nesciamus, soli an aetheri serviamus. In die gleiche Zwangslage aber 
versetzt er uns in dem von ihm vorgeführten astronomischen System. Am 
Anfang desselben erklärt er, die die Welt leitende Gottheit wohne hoch 
oben im Himmel, um wenige Zeilen später ihren Sitz in die Sonne zu 
verlegen. Wir stoßen hier auf einen unlöslichen Widerspruch, der sich 
nur durch die Annahme erklären läßt, daß er in der Eile der Kompilation 
Dinge miteinander verknüpft hat, die sich gegenseitig ausschließen. Unsere 
Aufgabe ist damit klar gegeben. Es wird sich darum handeln, die ein- 
zelnen Bestandteile, aus denen er seine Darstellung zusammengesetzt hat, 
aufzuweisen. Ermöglicht wird uns die Lösung dieses Problems durch 
eine Nachricht, die sich bei Theo von Smyrna (S. 138 ed. Hiller) findet. 
Er teilt uns folgendes mit : Tifjv 5fe xaxa to'tiov xdSv 0(yatpü)v [fß xuxXwv -ö-latv 
xe xal xa^tv, Sv olq xetjASva (pipsxat xa TcXavcojxeva, xtvfe^ [x^v xwv nufrayo- 
pefcov xocavSs vo[xt!^ouat • TcpooYstoxaxov [xfev efvat xöv vffi oeXYjvy)^ xuxXov, 
Seüxepov 5' uTc^p xoGxov <^xöv xoS} *Ep[xoö, Siietxa xöv xou (pcoa^o'pou, xal 
xixapxov <(xöv)> xou i^Xfou, efra xöv xou "Apecog, Intixa xcv xou Acdg, 
xeXeuxalov hl xal ouveyY^S '^oi^ dnkayiai xöv xou Kpovou • |jl£oov sfvac 
ßouXd|ievoc x6v xou i^Xfou x(3v iiXavcojtlvwv co? T^yeixovtxcoxaxov xal olov 
xapSfav xou Tcavxo'g . [XYjvüec Sk xauxa xal 'AXIgavSpo^ 6 AfxcoXo'g, Xlycov ou- 

X(0^- 



1) Zeller a. a, O, III. 1. 141 ff, 

2) Ebenda IH, % 115 ff. 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 



oLf^ozdvfi |ifev 8ta aeXirjvadr] Tcepl yalav, 
Seuxepo^ ai5 ox£Xß(ov YßXvo^ooxj 'EpjjLefao, 
T(p 8' 2m <p(oa<p6po€ Saxl cpaetvoiaxo? Ku-ö-epedTjc, 
T^xpaTO^ aiiöq UTcep'ö'ev Stc' iiJiXco^ (plpe-ö** fTwcot?, 
wljtTrco? 8' au nupoec^ cpoyfoü öptjtxo? '^piQO?, 
5xT05 8' aö cpai-ö-wv Ati? ayXai? foxaxac daxiQp, 
gß8ojto^ <(atJ)> cpafvcov Kpdvou ayxo^t xlXXexaL aoxpwv. 
Tcavxe? 8' &TCxaxovoto XtipiQ^ cp-S^YY®^^^ auv(|)8öv 
dpjtov(if]v TzpoyioDGi 8taoxdo6t äXXo^ Stc' aXXig. 

Diese Notiz, die Theon wohl dem Adrastus und dieser wieder einem 
anderen entnahm, meine ich, hat auch Cicero benutzt. Er hat seiner 
Darstellung ein siebenstufiges System zugrunde gelegt und dieses am An- 
fang und Ende selbständig durch Hinzufügung des Fixsternhimmels und 
der Erde erweitert. Bei Theon finden wir dieselbe Reihenfolge der Ge- 
stirne wie bei Cicero, bei jenem heißt die Sonne mit Recht iQyeiJLOVtxüixaxov 
xal olov xap8{a xou Tzayzoq, mens mundi et temperatio, bei ihm passen 
auch die ocpatpat yJ xüxXot, die Cicero im Drange der Not, um einen An- 
schluß an den von ihm an erster Stelle genannten Fixsternhimmel, den 
er nur als globus bezeichnen konnte, zu finden, in umgekehrter Reihen- 
folge verwenden zu müssen glaubte, aus ihm endlich erhält auch wohl 
der orbis lunae, ein Ausdruck, dessen Wahl uns bei Cicero einigermaßen 
befremdete, als xuxXo^ aeXY^VY)^ seine Erklärung. Selbst die folgenden Verse 
des Aetolers Alexander scheint Cicero nicht unberücksichtigt gelassen zu 
haben. Wenigstens klingen seine Worte: deinde est hominum generi 
prosperus et salutaris ille fulgor, qui dicitur Jovis; tum rutilus horribilis- 
que terris, quem Martium dicitis so, als seien sie in Anlehnung an 
die Verse: 

ni\iivzo<; 8' ai5 nupo'et^ cpovfou öpyjcxo^ *Apif]o$, 
5xxo5 8' au cpai-ö-wv Atd? ayXaög faxaxai aox7)p 
entstanden, wobei zu bemerken ist, daß die Lesart ^ovfou von Hiller in 
den Text gesetzte Conjectur Martins für das überlieferte 9 . . . . ou ist. 
Im Hinblick auf Ciceros: horribilisque terris möchte ich die Vermutung 
Peerlkamps (bei Gelder zum Tim. Locr. S. 83), der cpoßepoG vorschlägt, den 
Vorzug geben. 

Ich streife nur noch kurz die Frage nach der Herkunft der Zusätze, mit 
denen Cicero seine Darstellung ausschmückte. Er hat schon vorher von dem 
princeps deus, qui omnem mundum regit (§ 1 3) und den sempiterni ignes, 
quae sidera et Stellas vocatis, quae globosae et rotundae, divinis animatae 
mentibus, circulos suos orbesque conficiunt celeritate mirabili (g 15) ge- 
sprochen. Hierauf greift er nur zurück, wenn er jetzt von dem summus ipse 
deus arcens et continens ceteros redet. Ich habe oben bemerkt, daß 



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Die Harmonie der Sphären in Ciceros Traum des Scipio. 

Von 
Professor Dr. Yolkmaim. 

1. 

Hinaus über alle Schranken der Endlichkeit hebt der Traum den 
Scipio enq)or, hinaus bis über die Sterne zu den Wohnstätten der Seligen 
auf der Milchstraße. Dort begegnet er seinem Großvater, der ihm die kom- 
menden Tage seines Ruhmes, aber auch sein bitteres Ende durch Mörder- 
hand voraussagt. Doch bleibt ihm ein Trost; er erhält die Zusicherung, 
daß alle, die ihr Vaterland lieben und groß machen, dereinst ein herr- 
licher Lohn erwarte. Sie geh^i nach ihrem Scheiden von der Erde ein 
in das Land der Auserwählten und leben dort in ewiger Freude. Dieses 
Landes Erhabenheit und Schöne schaut nun der Schläfer; sein Führer 
läßt ihn von der Höhe auf die gewaltige und vielgestaltete, dabei fest ge- 
ordnete und in ewiger Harmonie kreisende Schöpfung herabblicken, um 
ihn dann demg^enüber auf die Nichtigkeit und unsägliche Kleinheit alles 
dessen hinzuweisen, was die Menschen bewegt, was ihnen als erstrebens- 
wert und glückbringend erscheint. — Ein Bild großen und tiefen Inhalts 
entrollt sich vor unseren Augen; wir sehen die Unendlichkeit des Welt- 
alls und in ihm die leuchtenden Gestirne, die in donnerndem Laufe ihre 

1907. 1 



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Die Harmonie der Spiiären in Ciceros Traum des Scipio. 

Von 
Professor Dr. Tolkmann. 

1. 
Hinaus über alle Schranken der Endlichkeit hebt der Traum den 
Scipio en^or, hinaus bis über die Sterne zu den Wohnstatten der Seligen 
auf der Milchstraße. Dort begegnet er seinem Großvater, der ihm die kom- 
menden Tage seines Ruhmes, aber auch sein bitteres Ende durch Mörder- 
hand voraussagt. Doch bleibt ihm ein Trost; er erhält die Zusicherung, 
daß alle, die ihr Vaterland lieben und groß machen, dereinst ein herr- 
licher Lohn erwarte« Sie gehen nach ihrem Scheiden von der Erde ein 
in das Land der Auserv^ählten und leben dort in ewiger Freude. Dieses 
Landes Erhabenheit und Schöne schaut nun der Schläfer; sein Führer 
läßt ihn von der Höhe auf die gewaltige und vielgestaltete, dabei fest ge- 
ordnete und in ewiger Harmonie kreisende Schöpfung herabblicken, um 
ihn dann demg^enüber auf die Nichtigkeit und unsägliche Kleinheit alles 
dessen hinzuweisen, was die Menschen bewegt, was ihnen als erstrebens- 
wert und glückbringend erscheint. — Ein Bild großen und tiefen Inhalts 
I entrollt sich vor unseren Augen; wir sehen die Unendlichkeit des Welt- 

alls und in ihm die leuchtenden Gestirne, die in donnerndem Laufe ihre 
1907. 1 



12 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft fOr vaterl. Caltur. 

neun Stufen umfassendes System ergibt. Beides läßt sich, wenigstens so 
viel ich sehe, nicht miteinander yereinigen. Das erste Fragment schließt 
sachgemäß mit den Worten: 

Tcavxe^ 5' iTcxaxövoto XupY)g (pd-crf^otai ouv<()Söv 

dEp|iov(if]v TzpoyiioDOi Staaxaaet oXXo? in' aXXig, 
das zweite endet: 

TofY)v Tot aeipifjv 6 Aiöj Tiatj iQpiioaev *Ep|iYj5, 

iTcxaxovov x(S*aptv, S*eo|iif]oxopo^ eJxova x6a|iou. 
Hier ist zwar auch von einer siebensaitigen Lyra die Rede, aber 
schon der unbekannte Kritiker bei Theon weist darauf hin, daß Alexander 
mit Unrecht seine neunstufige Tonleiter siebensaitig nenne, und wenn von 
Jan a. a. 0. S. 24 diesen Vorwurf als unbillig zu entkräften sucht, so 
habe ich dagegen nichts einzuwenden, kann mich aber nicht entschließen 
zu glauben, daß beide Aufstellungen von demselben Autor herrühren. 
Diese Sachlage nötigt mich, eine Verderbnis des Textes anzunehmen, die 
sich möglicherweise schon in die Vorlage des Theon, in den Timaeus- 
kommentar des Adrastus ') eingeschlichen hatte. Vielleicht stand in der ur- 
sprünglichen Fassung als Übergangsformel zum zweiten Fragment nicht, 
was wir jetzt lesen : ofl-ev xal Jv xot{ ^^c^rj^ ^Yjatv 'AXi^avSpo^, sondern oS-ev 
xal 'Eyeato? ^Yjatv'AXe^avSpo^. DerVerfasser der Homerischen Allegorien, 
dessen Weisheit in letzter Linie auf die gleiche Quelle zurückgeht, wie die des 
Adrastus und seiner Vorgänger, d. h. auf dieselbe Schrift, die Cicero ver- 
arbeitete,^) hat dann allerdings geirrt, als er den Schluß des ersten Frag- 
mentes als dem Ephesischen Alexander gehörig bezeichnete. Sein Versehen 
wird aber bei Annahme meiner Vermutung leicht erklärlich. Er excerpierte 
flüchtig und ließ sich durch die das folgende Citat einleitenden Worte 
über den Namen des wahren Verfassers täuschen. 

Daß wir in der Tat nicht fehlgreifen mit der Annahme, das uns von 
Theon erhaltene Bruchstück habe dem Cicero vorgelegen, als er sein 
System der Sphärenharmonie entwarf, wird durch eine weitere Beobach- 
tung noch wahrscheinlicher. Auch Varro kannte es und benutzte es. 
Wir lesen nämlich bei Censorin, der anerkanntermaßen den Varro aus- 
schrieb^), de die natali cap. Xlll. folgendes: Ad haec accedit quod Pytha- 



1) vgl. Hultsch bei Kroll, Proclus in Plat. rem publ. ü. S. 393. 

2) Hieraus erklärt sich auch die Ähnlichkeit zwischen Heraclit (hrs. von Mehler) 
S. 54: 00 Ydp öyjtcoü xifjXtxoüxwv o(i>}iaxa)v (der Planeten) i5 >tü>cXo«opo6 ßCa an' 
avaxoXi^C e,iQ duaiv ap)iaTy]Xaxoup,ivT2 (isd*' i^oux^oc tov o^odpov odotnopsT dpofiov 
und Cicero § 18: nee enim silentio tanti motus incitari possunt. 

3) Diels Doxographi Graec. S. 188; Wissowa in Pauly-Wissowas Realenc. HI, 
1904. Nicht überzeugt hat mich Schanz Gesch. d. röm. Liter. III. S. 232. Auch 
Favonius Eulogius (18,5), der gleichfalls aus Varro schöpfte (vgl. Borghorst: 
De Anatolii fontt. Diss. Berlin 1905 S. 49) bringt einen Teil dieses Kapitels. Ebenso 
geht wohl Plin. Nat. bist. U, 21. 22 auf Varro zurück, wenn auch nicht direkt. 
Auch hier wird das System Alexanders vorgetragen, allerdings in etwas verbesserter 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 13 

goras prodidit hune totum mundutn musica factum ratione sept^uque 
Stellas inter caelum et terram yagas, quae mortalium geneses moderantur, 
motum habere enrythmon et intenralla musicis diastematis coDgrua, soni- 
tusque varios reddere pro sua quaque altitudine ita concordes, ut dul- 
cissimam quidem concinant melodiam, sed nobis inaudibilem propter 
vocis magnitudinem, quam capere aurlum nostrarum angustiae non possint. 
nam ut Eratosthenes geometrica ratione coUegit mazimum terrae circui- 
tum esse stadiorum ducentum quinquaginta duum miliumy ita Pythagoras 
quot stadia inter terram et singulas Stellas essent indicavit. Stadium 
autem in hac mundi mensura id potissimum intellegendum est quod 
Italicum vocant, pedum sescentorum Tiginti quinque: — igitur ab terra 
ad lunam Pythagoras putavit esse stadiorum circiter centum viginti sex 
milia, idque esse toni intervallum; a luna autem ad Mercurii stellam, quae 
stilbon vocatur, dimidium eius, velut hemitonion; hinc ad phosphoron, 
quae est Veneris Stella, fere tantundem, hoc est aliud hemitonion; inde 
porro ad solem ter tantum, quasi tonum et dimidium. itaque solis astrum 
abesse a terra tonos tres et dimidium, quod est dia tessaron. a sole vero 
ad stellam Martis, cui nomen est pyrois, tantumdem intervalli esse quan- 
tum a terra ad lunam, idque facere tonon; hinc ad Jovis stellam, quae 
phaethon appellatur, dimidium eius, quod faciat hemitonion; tantundem a 
Jove ad Saturni stellam, cui phaenon nomen est, id est aliud hemitonion; 
inde ad summum caelum, ubi signa sunt, perinde hemitonion. itaque 
a caelo summo ad solem diastema esse dia tessaron, id est duorum tonorum 
et dimidi, ad terrae autem summitatem ab eodem caelo tonos esse sex^ 
in quibus sit dia pason symphonia. — • Das System, welches uns Yarro im 
zweiten Teile des Torliegenden Kapitels als dem Pythagoras angriiörend 
vorführt, weist nun ganz genau dieselbe Skala auf, die wir Yorhin bei 
Alexander von Ephesus antrafen. Schon Zeller PS. 432 Anm. hat 
indes darauf aufmerksam gemacht, daß diese Darstellung der am Anfang 
des Kapitels gegebenen, in der die himmlische Musik richtig auf die sieben 
Planeten beschränkt wird, widerspricht und daraus den treffenden Schluß 
gezogen, daß der Autor hierbei einer älteren, von ihm selbst nicht recht 
verstandenen Quelle gefolgt sei. Nehmen wir nun als diese das Bruch- 
stück des Theon an, so wird uns alles klar. Die erst genannte sieben 
Töne umfassende Skala gehört dem Aetoler Alexander an, die an zweiter 
Stelle neun tönende Körper in sich schließende, wie schon bemerkt, dem 
Ephesier. Man braucht nur den verbindenden Text, von dem die Frag- 
mente bei Theon begleitet sind, zu lesen: nflv hh xaxa xoirov twv aipottpÄv 
<^>xuxXü)v *4oiv xe xal ta^tv . . . uvfe^ [lev xwv nu^ayopcfcöv xotavSs vopiCouat 
und xal yäp touto nud-aYopstov .... oä^vxal 6 'Ecpiotö^cptjatv'AJi^avSpo^^ 



Gestalt (v. Jan. a. 0. S. 25). Mit Plinius stimmt im großen und ganzen überein 
Hygin. vgl. Manitius im Hermes XLl (1906) S. 286. 



14 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

und man wird erkennen, wie Varro dazu kam, beide Male den Pythagoras 
als Vertreter sich widersprechender Ansichten vorzuführen. Hat dem- 
nach Varro die gleiche Quelle wie Cicero benutzt, so dürfen wir wohl 
auch annehmen, daß aus irgend einer seiner Schriften die Notiz in der 
Naturgeschichte des Plinius II, 6, die ich hoffentlich mit Recht oben zur 
Erklärung Ciceros heranzog, stammt. Die Vermutung, daß er wiederholent- 
lich denselben Autor einsah, um ihm das eine Mal die Bemerkung über 
den Zusammenklang der sieben Planeten, das andere Mal die über die 
Göttlichkeit der Sonne zu entleihen, ist wohl nicht unstatthaft. Hinzu 
kommt, daß ihn Plinius unter den von ihm bei der Abfassung des zweiten 
Buches verwendeten Gewährsmännern an erster Stelle nennt. 

3. 
Ich gehe nun zu einer Betrachtung des Teiles im Traum des Scipio 
über, der die Harmonie der Sphären im engeren Sinne behandelt. Der 
Erzähler fährt also fort: 

Quae cum intuerer stupens, ut me recepi, Quid? hie, inquam, quis est, 
qui conplet aures meas tantus et tam dulcis sonus? Hie est, inquit ille, 
qui intervallis disiunctus imparibus, sed tarnen pro rata parte ratione dis« 
tinctis inpulsu et motu ipsorum orbium efficitur et acuta cum gravibus 
temperans varios aequabiliter concentus efficit; nee enim silentio tanti 
motus incitari possunt, et natura fert, ut extrema ex altera parte graviter, 
ex altera autem acute sonent. Quam ob causam summus ille caeli stellifer 
cursus, cuius conversio est concitatior, acuto et excitato movetur sono, gra- 
vissimo autem hie lunaris atque infimus; nam terra nona inmobilis manens 
una sede semper haeret complexa medium mundi locum. Uli autem octo 
cursus, in quibus eadem vis est duorum, Septem efßciunt distinctos inter- 
vallis sonos, qui numerus rerum omnium fere nodus est; quod docti 
homines nervis imitati atque cantibus aperuerunt sibi reditum in hunc 
locum, sicut alii, qui praestantibus ingeniis in vita humana divina studia 
coluerunt. Hoc sonitu oppletae aures hominum obsurduerunt; nee est ullus 
hebetior sensus in vobis, sicut, ubi Nilus ad illa, quae Catadupa nominantur, 
praecipitat ex altissimis montibus, ea gens, quae illum locum adcolit, propter 
magnitudinem sonitus sensu audiendi caret. Hie vero tantus est totius 
mundi incitatissima conversione sonitus, ut eum aures hominum capere 
non possint, sicut intueri solem adversum nequitis, eiusque radiis acies vestra 
sensusque vincitur. — Ich bitte den Leser, seine Aufmerksamkeit zunächst 
auf den Schluß dieser Darstellung richten zu wollen. Man braucht nur 
darauf aufmerksam gemacht zu werden, um zu erkennen, daß auch hier wieder 
zwei innerlich unverbundene Stücke aneinander gefügt worden sind. Das 
eine Mal wird gesagt, die Ohren der Menschen seien infolge des gewal- 
tigen Rauschens der Sphärenharmonie taub geworden, das andere Mal wird 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 15 

erklärt, die Ohren der Sterblichen könnten den ungeheuren Schall nicht 
aufnehmen, weil ihr enger Bau dies verbiete, wie wir ja auch nicht in 
die Sonne blicken könnten, weil unsere Augen für diesen Zweck zu mangel- 
haft beschaffen seien. Nach der einen Erklärung also haben die Menschen 
wohl einmal den mächtigen Zusammenklang der Gestirne vernommen, 
nämlich, so dürfen wir hinzufügen und hätte Cicero hinzufügen müssen, 
wenn er sich ganz verständlich hätte machen wollen, unmittelbar nach 
ihrer Geburt, sind aber dann dadurch taub geworden,') nach der anderen 
aber haben sie sie niemals gehört, weil ihre Ohren gleich von Anfang an 
hierzu ungeeignet waren. Eine Deutung verträgt sich nicht mit der anderen, 
und wir haben nur festzustellen, daß Cicero auch hier wieder gar übel 
unter sich verschiedene Dinge miteinander in Verbindung gebracht hat. 
Demgegenüber finden wir bei Varro nur die eine Erklärung, die sich mit 
der von Cicero an zweiter Stelle erwähnten fast wörtlich deckt, daß näm- 
lich die Sphärenharmonie nach des Pythagoras Ansicht unhörbar sei propter 
vocis magnitudinem, quam capere aurium nostrarum angustiae non possint. 
Unterziehen wir nun zunächst Ciceros musikalische Theorie einer 
kurzen Betrachtung. Alexander von Ephesus hatte, wie bemerkt, aus der 
Erkenntnis heraus, daß schnellere Bewegung höhere Töne erzeuge, dem 
Fixsternhimmel den höchsten, der Erde hingegen den tiefsten Ton zu- 
geschrieben. Ihm schloß sich Cicero zum Teil an. Auch er gab dem 
caeli stellifer cursus, cuius conversio est concitatior, den acutus et excitatus 
sonus, daß aber die in der Mitte der Welt unbeweglich ruhende Erde auch 
klingen solle, wollte ihm nicht in den Kopf. Deshalb änderte er und gab 
den sonus gravissimus dem Monde. Somit erhielt er acht tönende Körper. 
Aber er wollte aus irgend einem Grunde deren nur sieben haben, und 
dies bewog ihn, der Venus und dem Mercur, die er deshalb auch als 
comites solis bezeichnete, den gleichen Klang zuzuweisen. Hatte doch 
auch schon Plato im Timaeus (38 D) beide Gestirne ziy^zi ?oo5pd|iOU5 i^Xf(p 
genannt. Hierzu war er auch berechtigt, da in der Tat diese Sterne sich 
nur wenig von der Sonne zu entfernen scheinen. Wenn hingegen Cicero 
beiden den gleichen Ton zuerteilt, so verstößt er damit gegen sein astro- 
nomisches System. Denn wenn auch Venus und Mercur der Sonne und 
sich untereinander immer nahe bleiben, so können sie doch nicht, voraus- 
gesetzt, daß die dem Alexander entlehnte physikalische Theorie Ciceros 
gelten soll, da sie untereinander gelagert sind, der Mercur demnach immer 
nur einen kleineren Kreis beschreibt als die Venus, sich also langsamer 
bewegt, den gleichen Ton haben. Ich sehe wohl mit Recht in dieser nicht 
gerade glücklichen Erfindung die Arbeit Ciceros. Nebenbei will ich nur 



1) Vgl. Simplicius Commentar zu Arist. de caelo 464, 27: SwetJiQ 8i aXoYov 
Idoxec To jitj oüvaxouetv T^iiag xtjc ^(ov^g (xtSv aox^pwv), Xuouai ti^v Svoxaotv xauTifjv 
Sx TOD YsvojJiivocg r^^'i eoOiic oicapxecv xov tj^o^ov ouvexi^ ^vxa xai jiiq öiaXsfuovxa • 
ötoc xe Yttp XTQV oüviJO'ecav xai ouvxpo^fav oüx aCad-avdjie^a aoxoo xat 5ca xt^v auvi^stv. 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft Air vaterl. Culinr. 

noch b^nerken, daß man comites nicht etwa als „Trabanten^' im heutigen 
Sinne auffassen darf; der gemeinsame Mittelpunkt der drei Bahnen der 
Sonne, der Venus und des Mercur bleibt inmier die Erde.^) 

Ist es mir gelungen, die Ton Cicero yerwendete griechische Vorlage 
und die Art und V^eise aufzudecken, wie er sie verarbeitet hat, so habe 
ich mein Versprechen zum Teil erfüllt und gezeigt, daß das die Harmonie 
der Sphären behandelnde Kapitel im Traum des Scipio als eine selbständige 
Schöpfung Ciceros bezeichnet werden darf. Trotzdem sehe ich mich ge- 
nötigt^ noch einige Bemerkungen hinzuzufügen. Zu dem vom älteren 
Afncanus gleich am Anfange seiner Offenbarung aufgestellten Satze (§ 13), 
daß Omnibus, qui patriam conservaverint, adiuverint, auzerint, certum esse 
in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur tritt in dem 
soeben von mir behandelten Abschnitte die weitere Bestimmung, daß eben- 
dahin nach d^n Tode auch diejenigen konmien, qui praestantibus ingeniis 
in vita humana divina studia coluerunt. Beide Arten von Wohltätern der 
Menschheit treffen wir auch im Elysium Vergils an, der hierin höchst wahr- 
scheinlich dem Posidonius folgte. Ob Cicero das gleiche tat, muß dahin- 
gestellt bleiben. Jedenfalls konnte er ebenso wie Posidonius selbst diese 
Vorstellungen auch altpythagoreischen Lehren entnehmen.^) Überhaupt, 
möchte ich hier noch einmal bemerken, liegt es mir sehr fern, Einspruch 
erheben zu wollen, wenn jemand geneigt sein sollte, einzelne Sätze und 
Gedanken, wie z. B. den, daß die Menschen die Bestimmung haben, qui 
tuerentur illum globum, quae terra dicitur (§ 15), oder den anderen, daß 
die Siebenzahl der nodus omnium rerum, oder daß unser Leben auf Erden 
in Wahrheit der Tod sei (§ 14) und ähnliche aus Posidonius herzuleiten, 
nur davon kann ich mich nicht überzeugen, daß der Darstellung Ciceros 
eine auch nur einigermaßen geschlossene Komposition dieses griechischen 
Philosophen zugrunde liegt. Auch bin ich für meinen Teil eher der 
Ansicht^ daß die genannten Sentenzen mehr oder minder Gemeingut der 
gebildeten Gesellschaft zur Zeit Ciceros waren, der seinerseits ebenfalls 
nach Belieben von ihnen Gebrauch machte. Jede einzelne von ihnen als 
aus einem bestimmten Autor entlehnt ansehen zu wollen, halte ich für 
aussichtslos und bedenklich. 

Endlich seien mir noch einige Worte gestattet über den Aufenthalts- 
ort, den die Seelen der Heimgegangenen nach Ciceros Darstellung ein- 
nehmen. Man darf bekanntlich nicht alle die Stellen, an denen er in 
erhabener Rede von der Fortdauer der Seele nach dem Tode redet, als 
einen Niederschlag seiner innersten Überzeugung ansehen. Sein Glaube 
daran ruhte auf sehr schwachen Füßen. Nirgends findet sich dort, wo er 
der nüchternen Wirklichkeit gegenübersteht, also vor allem in seinen 
Briefen, auch nur eine leise Andeutung davon, daß ihn diese Hofinung 



1) Hultsch bei Pauly-Wissova U, 1859 fif. 

2) Vgl. Norden Vergils Aeneis VL S. 34 fif. 



IV. Abteilung. Philologisch archäologische Sektion. 17 

stützte und stärkte, daß sie seinen Lebensweg in Wahrheit erhellte^). So 
werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn seine Ansichten über diesen 
Punkt nicht die genügende Festigkeit gewannen und unklar blieben ; noch 
viel weniger war er dann bestimmt und widerspruchsfrei, wenn es sich 
darum handelte, von den Schicksalen der Seele nach dem Tode und dem 
Jenseits selbst zu sprechen. Den Beweis hierfür liefert der Traum des 
Scipio, was wiederum ein weiterer Beleg dafür ist, daß wir in ihm eine 
Kompilation Ciceros selbst zu sehen haben. Was wir hier vom Jenseits 
vernehmen, ist eine Verschmelzung gar verschiedener Vorstellungen. Die 
Fiktion, daß die Seelen der Gestorbenen auf der Milchstraße weilen, ver- 
dankt ihre Entstehung wahrscheinlich der Phantasie des Heraclides Ponticus, 
der sie dem Pythagoras als Lehre unterschob*). Cicero griff diesen Ge- 
danken auf, hielt ihn aber nicht fest. Kühne, von Posidonius' Dichtergeist 
entworfene Bilder drängten sich ein. Danach sollten die Seelen der Reinen 
und Guten auf den Mond versetzt werden, wo sie lange Zeit verweilen, 
um dann erst zu dem Weltgeist emporzusteigen und bei ihm, in seligem 
Schauen versunken, zu bleiben. Die der Schlechten und Bösen hingegen 
kommen nicht in das Elysium, sondern halten sich in iem Räume zwischen 
Mond und Erde viele, viele Jahre lang auf, bis auch sie sich dann, von 
allem irdischen Staube befreit, zunächst auf den Mond und von da aus 
in die Gefilde der ewigen Freude emporschwingen. So kehren alle Seelen, 
abgesehen von den ihrer Missetaten wegen ewig verdammten, endlich 
wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück. Sowohl des Heraclides wie 
des Posidonius Ansicht ist klar. Was macht nun Cicero hieraus? Zu- 
nächst versichert der ältere Africanus seinen Hörer, daß omnibus, qui 
patriam consen'averint, adiuverint, auxerint, certum esse in caelo definitum 
locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur. Dieser Ort ist, wie wir bald 
darauf erfahren, der circus splendidissimo candore inter flammas elucens, 
also die Milchstraße. Auf sie gelangen neben den großen Staatsmännern 
und denjenigen, die im Leben die iustitia und pietas gepflegt haben, auch 
die Künstler sicut alii, qui praestantibus ingeniis in vita humana divina 
studia coluerunt. Und was wird aus den Seelen der anderen? Auch 
hierüber gibt uns Africanus Auskunft. Eorum animi, heißt es zum 
Schlüsse, qui se corporis voluptatibus dediderunt earumque se quasi 
ministros praebuerunt impulsuque libidinum voluptatibus oboedientium 
deorum et hominum iura vielaverunt, corporibus elapsi circum terram 
ipsam volutantur nee hunc in locum nisi multis exagitati saeculis rever- 
tuntur. Auch sie kommen also schließlich, wenn auch nach langer Zeit, 
auf die Milchstraße; damit aber ist es mit dem abgesonderten Wohnsitz 



1) Rohde Psyche II, 258. 

*) Ebenda S. 94. Anm. 1. In späterer Zeit war dieser Glaube in weiteren 
Kreisen verbreitet. Vgl. Cumont a. a. 0. S. 3i8. 

1907. 2 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft Air vaterl. Culinr. 

noch b^nerken, daß man comites nicht etwa als „Trabanten^' im heutigen 
Sinne auffassen darf; der gemeinsame Mittelpunkt der drei Bahnen der 
Sonne, der Venus und des Mercur bleibt immer die Erde.^) 

Ist es mir gelungen, die Ton Cicero yerwendete griechische Vorlage 
und die Art und V^eise aufzudecken, wie er sie verarbeitet hat, so habe 
ich mein Versprechen zum Teil erfüllt und gezeigt, daß das die Harmonie 
der Sphären behandelnde Kapitel im Traum des Scipio als eine selbständige 
Schöpfung Ciceros bezeichnet werden darf. Trotzdem sehe ich mich ge- 
nötigt, noch einige Bemerkungen hinzuzufügen. Zu dem vom älteren 
Africanus gleich am Anfange seiner Offenbarung aufgestellten Satze (§ 13), 
daß Omnibus, qui patriam conservaverint, adiuverint, auzerint, certum esse 
in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur tritt in dem 
soeben von mir behandelten Abschnitte die weitere Bestimmung, daß eben- 
dahin nach d^n Tode auch diejenigen kommen, qui praestantibus ingeniis 
in vita humana divina studia coluerunt. Beide Arten von Wohltätern der 
Menschheit treffen wir auch im Elysium Vergils an, der hierin höchst wahr- 
scheinlich dem Posidonius folgte. Ob Cicero das gleiche tat, muß dahin- 
gestellt bleiben. Jedenfalls konnte er ebenso wie Posidonius selbst diese 
Vorstellungen auch altpythagoreischen Lehren entnehmen.^) Überhaupt, 
möchte ich hier noch einmal bemerken, liegt es mir sehr fern, Einspruch 
erheben zu wollen, wenn jemand geneigt sein sollte, einzelne Sätze und 
Gedanken, wie z. B. den, daß die Menschen die Bestimmung haben, qui 
tuerentur illum globum, quae terra dicitur (§ 15), oder den anderen, daß 
die Siebenzahl der nodus omnium rerum, oder daß unser Leben auf Erden 
in Wahrheit der Tod sei (§ 14) und ähnliche aus Posidonius herzuleiten, 
nur davon kann ich mich nicht überzeugen, daß der Darstellung Ciceros 
eine auch nur einigermaßen geschlossene Komposition dieses griechischen 
Philosophen zugrunde liegt. Auch bin ich für meinen Teil eher der 
Ansicht, daß die genannten Sentenzen mehr oder minder Gemeingut der 
gebildeten Gesellschaft zur Zeit Ciceros waren, der seinerseits ebenfalls 
nach Belieben von ihnen Gebrauch machte. Jede einzelne von ihnen als 
aus einem bestimmten Autor entlehnt ansehen zu wollen, halte ich für 
aussichtslos und bedenklich. 

Endlich seien mir noch einige Worte gestattet über den Aufenthalts- 
ort, den die Seelen der Heimgegangenen nach Ciceros Darstellung ein- 
nehmen. Man darf bekanntlich, nicht alle die Stellen, an denen er in 
erhabener Rede von der Fortdauer der Seele nach dem Tode redet, als 
einen Niederschlag seiner innersten Überzeugung ansehen. Sein Glaube 
daran ruhte auf sehr schwachen Füßen. Nirgends findet sich dort, wo er 
der nüchternen Wirklichkeit gegenübersteht, also vor allem in seinen 
Briefen, auch nur eine leise Andeutung davon, daß ihn diese Hoffnung 



1) Hultsch bei Pauly-Wissova II, 1859 ff. 

2) Vgl. Norden Vergils Aeneis VI. S. 34 ff. 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 17 

stützte und stärkte, daß sie seinen Lebensweg in Wahrheit erhellte^). So 
werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn seine Ansichten über diesen 
Punkt nicht die genügende Festigkeit gewannen und unklar blieben ; noch 
viel weniger war er dann bestimmt und widerspruchsfrei, wenn es sich 
darum handelte, von den Schicksalen der Seele nach dem Tode und dem 
Jenseits selbst zu sprechen. Den Beweis hierfür liefert der Traum des 
Scipio, was wiederum ein weiterer Beleg dafür ist, daß wir in ihm eine 
Kompilation Ciceros selbst zu sehen haben. Was wir hier vom Jenseits 
vernehmen, ist eine Verschmelzung gar verschiedener Vorstellungen. Die 
Fiktion, daß die Seelen der Gestorbenen auf der Milchstraße weilen, ver- 
dankt ihre Entstehung wahrscheinlich der Phantasie des Heraclides Ponticus, 
der sie dem Pythagoras als Lehre unterschob*). Cicero griff diesen Ge- 
danken auf, hielt ihn aber nicht fest. Kühne, von Posidonius' Dichtergeist 
entworfene Bilder drängten sich ein. Danach sollten die Seelen der Reinen 
und Guten auf den Mond versetzt werden, wo sie lange Zeit verweilen, 
um dann erst zu dem Weltgeist emporzusteigen und bei ihm, in seligem 
Schauen versunken, zu bleiben. Die der Schlechten und Bösen hingegen 
kommen nicht in das Elysium, sondern halten sich in iem Räume zwischen 
Mond und Erde viele, viele Jahre lang auf, bis auch sie sich dann, von 
allem irdischen Staube befreit, zunächst auf den Mond und von da aus 
in die Gefilde der ewigen Freude emporschwingen. So kehren alle Seelen, 
abgesehen von den ihrer Missetaten wegen ewig verdammten, endlich 
wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück. Sowohl des Heraclides wie 
des Posidonius Ansicht ist klar. Was macht nun Cicero hieraus? Zu- 
nächst versichert der ältere Africanus seinen Hörer, daß omnibus, qui 
patriam conser\'averint, adiuverint, auxerint, certum esse in caelo definitum 
locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur. Dieser Ort ist, wie wir bald 
darauf erfahren, der circus splendidissimo candore inter flammas elucens, 
also die Milchstraße. Auf sie gelangen neben den großen Staatsmännern 
und denjenigen, die im Leben die iustitia und pietas gepflegt haben, auch 
die Künstler sicut alii, qui praestantibus ingeniis in vita humana divina 
studia coluerunt. Und was wird aus den Seelen der anderen? Auch 
hierüber gibt uns Africanus Auskunft. Eorum animi, heißt es zum 
Schlüsse, qui se corporis voluptatibus dediderunt earumque se quasi 
ministros praebuerunt impulsuque libidinum voluptatibus oboedientium 
deorum et hominum iura vielaverunt, corporibus elapsi circum terram 
ipsam volutantur nee hunc in locum nisi multis exagitati saeculis rever- 
tuntur. Auch sie kommen also schließlich, wenn auch nach langer Zeit, 
auf die Milchstraße; damit aber ist es mit dem abgesonderten Wohnsitz 



1) Rohde Psyche II, 258. 

*) Ebenda S. 94. Anm. 1. In späterer Zeit war dieser Glaube in weiteren 
Kreisen verbreitet. Vgl. Cumont a. a. 0. S. 3i8. 

1907. 2 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft Air vaterl. Culinr. 

noch bemerken, daß man comites nicht etwa als „Trabanten^' im heutigen 
Sinne auffassen darf; der gemeinsame Mittelpunkt der drei Bahnen der 
Sonne, der Venus und des Mercur bleibt immer die Erde.^) 

Ist es mir gelungen, die Yon Cicero yerwendete griechische Vorlage 
und die Art und V^eise aufzudecken, wie er sie verarbeitet hat, so habe 
ich mein Versprechen zum Teil erfüllt und gezeigt, daß das die Harmonie 
der Sphären behandelnde Kapitel im Traum des Scipio als eine selbständige 
Schöpfung Ciceros bezeichnet werden darf. Trotzdem sehe ich mich ge- 
nötigt^ noch einige Bemerkungen hinzuzufügen. Zu dem vom älteren 
Africanus gleich am Anfange seiner Offenbarung aufgestellten Satze (§ 13), 
daß Omnibus, qui patriam conservaverint, adiuverint, auzerint, certum esse 
in caelo definitum locum, ubi beati aevo sempiterno fhiantur tritt in dem 
soeben von mir behandelten Abschnitte die weitere Bestimmung, daß eben- 
dahin nach d^n Tode auch diejenigen konmien, qui praestantibus ingeniis 
in vita humana divina studia coluerunt. Beide Arten von Wohltätern der 
Menschheit treffen wir auch im Elysium Vergils an, der hierin höchst wahr- 
scheinlich dem Posidonius folgte. Ob Cicero das gleiche tat, muß dahin- 
gestellt bleiben. Jedenfalls konnte er ebenso wie Posidonius selbst diese 
Vorstellungen auch altpythagoreischen Lehren entnehmen.^) Überhaupt, 
möchte ich hier noch einmal bemerken, liegt es mir sehr fern, Einspruch 
erheben zu wollen, wenn jemand geneigt sein sollte, einzelne Sätze und 
Gedanken, wie z. B. den, daß die Menschen die Bestimmung haben, qui 
tuerentur illum globum, quae terra dicitur (§ 15), oder den anderen, daß 
die Siebenzahl der nodus omnium rerum, oder daß unser Leben auf Erden 
in Wahrheit der Tod sei (§ 14) und ähnliche aus Posidonius herzuleiten, 
nur davon kann ich mich nicht überzeugen, daß der Darstellung Ciceros 
eine auch nur einigermaßen geschlossene Komposition dieses griechischen 
Philosophen zugrunde liegt. Auch bin ich für meinen Teil eher der 
Ansicht, daß die genannten Sentenzen mehr oder minder Gemeingut der 
gebildeten Gesellschaft zur Zeit Ciceros waren, der seinerseits ebenfalls 
nach Belieben von ihnen Gebrauch machte. Jede einzelne von ihnen als 
aus einem bestimmten Autor entlehnt ansehen zu wollen, halte ich für 
aussichtslos und bedenklich. 

Endlich seien mir noch einige Worte gestattet über den Aufenthalts- 
ort, den die Seelen der Heimgegangenen nach Ciceros Darstellung ein- 
nehmen. Man darf bekanntlich nicht alle die Stellen, an denen er in 
erhabener Rede von der Fortdauer der Seele nach dem Tode redet, als 
einen Niederschlag seiner innersten Überzeugung ansehen. Sein Glaube 
daran ruhte auf sehr schwachen Füßen. Nirgends findet sich dort, wo er 
der nüchternen Wirklichkeit gegenübersteht, also vor allem in seinen 
Briefen, auch nur eine leise Andeutung davon, daß ihn diese Hofinung 



1) Hultsch bei Pauly-Wissova II, 1859 fif. 

2) Vgl. Norden Vergils Aeneis VI. S. 34 fif. 



IV. Abteilung. Philologisch archäologische Sektion. 17 

stützte und stärkte, daß sie seinen Lebensweg in Wahrheit erhellte^). So 
werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn seine Ansichten über diesen 
Punkt nicht die genügende Festigkeit gewannen und unklar blieben ; noch 
viel weniger war er dann bestimmt und widerspruchsfrei, wenn es sich 
darum handelte, von den Schicksalen der Seele nach dem Tode und dem 
Jenseits selbst zu sprechen. Den Beweis hierfür liefert der Traum des 
Scipio, was wiederum ein weiterer Beleg dafür ist, daß wir in ihm eine 
Kompilation Ciceros selbst zu sehen haben. Was wir hier vom Jenseits 
vernehmen, ist eine Verschmelzung gar verschiedener Vorstellungen. Die 
Fiktion, daß die Seelen der Gestorbenen auf der Milchstraße weilen, ver- 
dankt ihre Entstehung wahrscheinlich der Phantasie des Heraclides Ponticus, 
der sie dem Pythagoras als Lehre unterschob*). Cicero griff diesen Ge- 
danken auf, hielt ihn aber nicht fest. Kühne, von Posidonius' Dichtergeist 
entworfene Bilder drängten sich ein. Danach sollten die Seelen der Reinen 
und Guten auf den Mond versetzt werden, wo sie lange Zeit verweilen, 
um dann erst zu dem Weltgeist emporzusteigen und bei ihm, in seligem 
Schauen versunken, zu bleiben. Die der Schlechten und Bösen hingegen 
kommen nicht in das Elysium, sondern halten sich in iem Räume zwischen 
Mond und Erde viele, viele Jahre lang auf, bis auch sie sich dann, von 
allem irdischen Staube befreit, zunächst auf den Mond und von da aus 
in die Gefilde der ewigen Freude emporschwingen. So kehren alle Seelen, 
abgesehen von den ihrer Missetaten wegen ewig verdammten, endlich 
wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück. Sowohl des Heraclides wie 
des Posidonius Ansicht ist klar. Was macht nun Cicero hieraus? Zu- 
nächst versichert der ältere Africanus seinen Hörer, daß omnibus, qui 
patriam conservaverint, adiuverint, auxerint, certum esse in caelo definitum 
locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur. Dieser Ort ist, wie wir bald 
darauf erfahren, der circus spien didissimo candore inter flammas elucens, 
also die Milchstraße. Auf sie gelangen neben den großen Staatsmännern 
und denjenigen, die im Leben die iustitia und pietas gepflegt haben, auch 
die Künstler sicut alii, qui praestantibus ingeniis in vita humana divina 
studia coluerunt. Und was wird aus den Seelen der anderen? Auch 
hierüber gibt uns Africanus Auskunft. Eorum animi, heißt es zum 
Schlüsse, qui se corporis voluptatibus dediderunt earumque se quasi 
ministros praebuerunt impulsuque libidinum voluptatibus oboedientium 
deorum et hominum iura vielaverunt, corporibus elapsi circum terram 
ipsam volutantur nee hunc in locum nisi multis exagitati saeculis rever- 
tuntur. Auch sie kommen also schließlich, wenn auch nach langer Zeit, 
auf die Milchstraße; damit aber ist es mit dem abgesonderten Wohnsitz 



1) Rohde Psyche II, 258. 

*) Ebenda S. 94. Anm. 1. In späterer Zeit war dieser Glaube in weiteren 
Kreisen verbreitet. Vgl. Cumont a. a. 0. S. 3i8. 

1907. 2 



18 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Gultur. 

der Staatsmänner und der sich zu ihnen Gesellenden vorbei. Man könnte 
einwenden, es sei nicht statthaft, die Worte zu pressen, und sagen, unter 
,hunc in locum' sei eben nur der Himmel im allgemeinen zu verstehen. 
Aber die Unklarheit dieser Vorstellung zieht sich durch den ganzen 'Traum 
des Scipio hin. Ich will noch einige weitere Beispiele hierfür beibringen. 
Der ältere Africanus zeigt seinem schlafenden Enkel de excelso et flleno 
Stellarum, illustri et claro quodam loco, also von der Milchstraße lius, 
wie später aus § 16 deutlich erhellt, Carthago und verkündet ihm, daß 
er bestimmt sei, diese Stadt zu zerstören und sich dadurch unendlichen 
Ruhm zu erwerben. Zugleich aber enthüllt er ihm sein trauriges Eiide 
durch feige Mörderhand. Dann fahrt er fort: Sed quo sis, Africane, alacrildr 
ad tutandam rem publicam, sie habeto: omnibus, qui patriam conservaverinl> 
adiuverint, auxerint, certura esse in caelo definitum locum, ubi beati aevd 
sempiterno fruantur; nihil est enim illi principi deo, qui omnem munduni 
regit, quod quidem in terris fiat, acceptius quam concilia coetusque hominum 
iure sociati, quae civitatesappellantur; harum rectores et conservatores hinc 
profecti huc revertuntur. Unter dem certus locus in caelo ist, wie gesagt, die 
Milchstraße zu verstehen. Was sollen aber dann die Worte bedeuten: civi- 
tatum rectores hinc profecti huc revertuntur? Dies klingt ja fast wie eine Art 
von Praedestinationslehre. Was frommen dann die Mühen und Sorgen auf 
Erden? Stammen die Seelen der Staatsmänner wirklich aus der Milch- 
straße und nicht vielmehr auch, wie die aller anderen Menschen, ganz 
allgemein (§ 15) ex illis sempiternis ignibus, quae sidera et Stellas vocatis, 
quae globosae et rotundae, divinis animatae mentibus, circulos suos 
orbesque conficiunt celeritate mirabili? Vielleicht indessen ist auch in 
diesem Falle der eine oder der andere geneigt, die Ungenauigkeit des 
Ausdrucks zu entschuldigen und zu erklären, daß auch hier wieder ,hinc* 
den weiten Himmel in seiner ganzen Ausdehnung bezeichne, während 
das ,huc' nur von der Milchstraße gelte. Dies geht aber bei dem folgen- 
den Beispiele nicht an. Ich entnehme es dem sich bei Cicero an die 
eben besprochene Stelle unmittelbar anschließenden Stücke. Scipio fragt 
seinen Großvater, ob sein Vater Paulus lebe und andere, die man 
sonst für gestorben halte. Inuno vero, lautet die Antwort, hi vivunt qui 
e corporum vinculis tamquam e carcere evolaverunt, vestra vero, quae dicitur, 
vita mors est. Unterdessen ist Paulus hinzugetreten. An ihn wendet 
sich nun sein Sohn mit der Frage : Quaeso, pater sanctissime atque optime, 
quoniam haec est vita, ut Africanum audio dicere, quid moror in terris? 
quin huc ad vos venire propero? Da dem Fragesteller nur daran gelegen 
sein kann, mit seinem Vater und Großvater im Jenseits zusammenzuweilen, 
hat er offenbar ganz vergessen, daß den Wohltätern des Vaterlandes dort 
ein gesonderter Ort zukomme. Wie darf er, der ,paene miles', wie ihn 
sein Großvater selbst nennt (§ 11), der noch so gut wie nichts getan, 
^r werde sich ohne weiteres durch Selbstmord zu den Sitzen der 



IV. AbteiluDg. Philologisch-archäologische Sektion. 19 

Bevorzugen und Erwählten aufschwingen? Man wird zugeben müssen, 
daß hier eine gewisse Unklarheit vorliegt, die auf keine andere Rechnung, 
als auf 4(6 Ciceros zu setzen ist. 

Interessant ist die Antwort, die Scipio von seinem Vater erhält: Non 
est ita, inquit ille. Nisi enim deus is, cuius hoc templum est omne, quod 
conspicis, istis te corporis custodiis liberaverit, huc tibi aditus patere non 
potest. I^omines enim sunt hac lege generati, qui tuerentur illum globum, 
quem in )ioc templo medium vides, quae terra dicitur, iisque animus datus 

est ex iljis sempiternis ignibus, quae sidera et Stellas vocatis 

Quare et tibi, Publi, et piis omnibus retinendus animus est in custodia 
corporis pec iniussu eins, a quo ille est vobis datus, ex hominum vita 
migrandiipi est, ne munus humanum adsignatum a deo defugisse videamini. 
Sed sie, ßcipio, ut avus hie tuus, ut ego, qui te genui, iustitiam cole et 
pietatem, quae cum magna in parentibus et propinquis, tum in patria 
maxima est; ea vita via est in caelum et in hunc coetum .... Norden 
(a. a. Of S. 43) hat darauf aufmerksam gemacht, daß es ein fest über- 
liefertes Motiv der Offenbarungsliteratur gewesen sei, die Rolle des Propheten 
auf zw^l Personen zu verteilen. Deshalb habe auch Cicero, möglicherweise 
von Pogidonius beeinflußt, die Figur des Paulus eingeführt. ' Indes eine 
andere Erklärung scheint mir hierfür näher zu liegen. Es wäre ein arger 
Verstoß gegen die Pietät gewesen, hätte Scipios erste Frage nicht seinem 
Vater gegolten. Da ihm aber sein Großvater versichert, auch er lebe, so 
war ei ein glücklicher Gedanke, ihn nun auch selbst auftreten zu lassen. 
So erklärt es sich auch leichter, daß Cicero ihn in der Folge ganz unbe- 
rücksichtigt läßt. Der Traum schließt mit den Worten: Ille (Africanus) 
discegsit; ego somno solutus sum, vom Paulus ist überhaupt nicht weiter 
die Rede. Ich meine, daß Cicero, wenn er gleich von Anfang an die 
Absicht gehabt hätte, ein überliefertes Motiv zu benutzen und den die 
Geheimnisse des Jenseits bedeckenden Schleier durch zwei Personen lüften 
zu lassen, doch wohl kaum den Paulus dann ganz vergessen haben würde. 
So aber zwang ihn der Fortgang und die Entwicklung der Darstellung, 
seiner zu gedenken und ihn erscheinen zu lassen. Als dieser Zwang dann 
schwand, verlor er die nur episodisch eingeführte Figur aus seinem Ge- 
sichtskreis. Auch kann man eigentlich von einer Verteilung der OfTen- 
barung nicht recht reden. Paulus beantwortet nur die, wie ich schon 
erwähnt, ziemlich ungeschickt gestellte Frage seines Sohnes und kommt 
am Schlüsse seiner Auseinandersetzung auf denselben Punkt zurück, den 
schon vorher der ältere Africanus erreicht hatte : iustitiam cole et pietatem, 
ea vita via est in caelum. In der eigentlichen Gedankenentwicklung 
sind wir auch nicht um einen Schritt weiter gekommen, das ganze Stück 
könnte seinem Inhalte nach unbeschadet fehlen. Doch dem sei, wie ihm 
wolle, ich möchte lieber das Problem zu lösen versuchen, wie Cicero dazu 
kam, gerade diese Frage dem Scipio in den Mund zu legen. Eine Aus- 



20 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Cultur. 

kunft darüber zu erhalten, warum wir nicht, wenn das Jenseits unvergleichlich 
schöner und herrlicher ist als das Diesseits, gewaltsam die Fesseln 
des Körpers sprengen sollen, um uns frei aufzuschwingen in die Höhen, 
wo ewiges Leben und ewige Freude wohnt, hat gewiß schon in allen 
Zeiten gar mancher gewünscht. Neben anderen Themen war sicherlich 
auch dieses sehr geeignet, den Gegenstand der Besprechung in der populären 
Philosophie zu bilden. So finden wir es denn auch in der Tat von Epictet 
in der neunten Dissertation des ersten Buches behandelt. Dort heißt es 
unter Berufung auf die von mir eben genannten Überlegungen und die 
OüYyeveta aller Menschen mit Gott: 'EiciXTiriTe, ov%izi dvexo|Ae*a liexi 
Tou a(0|iaxiou zo\ko\) 5e5eii£vot .... a^e^ T^pto^ aiceXd^rv oS*ev SXY)Xud^|iev, 
acpe$ X\}9^yal noxt xm oeo|i(i5v xoikcov xwv S5Y)pTif)|i£vcov xal ßapouvxwv. 
Die Antwort lautet: 'Av8-pco7cot SxSi^aoS^ tov -ö-edv . oxav Sxeivo^ oiQiiTjvg 
xal dnoXuaiQ ö|ia$ xauxY)? rij? Cmripeatot?, xox' a7ieXeuaeaS*e npoq auxcJv . 
lul 5fe xoö Tcapovxo^ dydayza^'e Jvocxoövxes xauxriv xiqv X^P^^v, eJg i^v Sxetvo^ 
6\ia^ Sxa^ev . dXlyoq apa xpo^o^ ouxo? o x^? oJxTJaetD^ — |iefvaxe, |iifj dXoYfoxcö^ 
a7i£X^X£. Diese Ausfuhrungen weisen mit unserer Cicerostelle eine in die 
Augen fallende Übereinstimmung im Inhalt auf. Das gleiche Problem, die 
gleiche Antwort. Wenn nicht Gott selbst, der uns in diese Welt zur Erfüllung 
eines munus, einer UTDQpeaia gestellt hat, die Bande unseres Körpers löst 
und uns befreit, dürfen wir den uns angewiesenen Posten nicht verlassen. 
Nur darin zeichnet sich die Darstellung Epictets vor der Ciceros aus, daß 
bei ihm alles verständlich ist, was ich von der von Seiten des Scipio an 
seinen Vater gerichteten Frage nicht zugeben konnte. Ich habe diesen 
Mangel aus der Unbestimmtheit der Ansichten Ciceros über die Dinge im 
Jenseits hergeleitet. Aber ein weiteres kam noch hinzu. Er hat wohl 
die Fassung des von ihm behandelten Gedankens in Frage und Antwort 
irgendwo schon vorgefunden ; er machte sie sich zu eigen, ohne darauf be- 
dacht zu sein, die nun entstehenden Härten, die die Einfügung einer von 
anderen Voraussetzungen ausgehenden Erörterung notwendigerweise hervor- 
rufen mußte, zu beseitigen. Aus seiner Übereinstimmung mit Epictet 
folgere ich, daß er ebenso, wie dieser, nicht nur den Gedanken selbst, 
sondern auch zugleich seine Einkleidung aus irgend einem populärphilo- 
sophischen Aufsatze, etwa einer Diatribe übernahm. In der Verarbeitung 
des gegebenen Materials gehen allerdings beide auseinander: Epictet be- 
wahrte den volkstümlichen Ton, während Cicero es vorzog, sich mehr 
der streng wissenschaftlichen Redeweise zu bedienen. Das Fortleben der 
Diatribe zur Zeit Ciceros wird bezeugt durch Tuscul. III. 81. Daß er 
auch sonst gelegentlich von ihr Gebrauch machte, zeigt im Cato maior (§ 84) 
der Satz, den ich um so lieber ausschreibe, als er sich mit dem uns 
hier beschäftigenden Gedankenkreise inhaltlich berührt: ex vita ita discedo, 
^ ex hospitio, non tamquam ex domo. Commorandi enim natura 
n nobis, non habitandi dedit. Er ist, wie schon Hense Teletis 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 2 L 

rell. S. XLIX bemerkt hat, einer Diatribe entlehnt. Hierbei an eine Ver- 
mittelung durch Aristo von Keos zu denken, scheint mir nicht nötig. ^) 

Somit glaube ich gezeigt zu haben, daß der die Verwerflichkeit des 
Selbstmordes behandelnde Abschnitt im Traum des Scipio ein för sich be- 
stehender und als solcher zu betrachtender Teil ist, der mit den Aus- 
einandersetzungen über die Harmonie der Sphären durch kein inneres 
Band verknüpft ist.*) Auch dies also bestätigt meine Ansicht, daß das 
Somnium eine frei erfundene Komposition Ciceros ist. 

4. 
Zunächst seien mir einige Nachträge gestattet. Wenn Ps. Manilius I, 
754 ff. gleichfalls die Seelen der großen Staatsmänner und Helden von der 
Erde auf die Milchstraße wandern läßt, damit sie sich dort, getrennt von 
den anderen Heimgegangenen, eines heiteren und glücklichen Daseins 
erfreuen, so ist er hierin meines Erachtens dem Cicero gefolgt.^) Nicht 
so zuversichtlich möchte ich dasselbe von Vergil behaupten, dessen Toten- 
schau im sechsten Buche der Aeneide, was die Komposition anbetrifft, aller- 
dings einige Ähnlichkeit mit dem Somnium Scipionis aufweist*), denn ich 
halte es für denkbar, daß die scheinbare Übereinstimmung auf einem 
Zufall beruht. 

Zum Schluß erlaube ich mir nun auch noch eine Vermutung über 
den von Varro und Cicero gemeinschaftlich benutzten Autor vorzutragen, 
obgleich ich genötigt bin, zu diesem Zwecke etwas weiter auszuholen, ich 
habe den zweiten Teil des Somnium bereits in meinen „Untersuchungen 
zu Schriftstellern des klassischen Altertums*' Progr. Breslau 1906 S. 17 ff. 
behandelt und bin dabei zu dem Resultat gekommen, daß der § 20 aus 
Posidonius *), § 21 zum Teil dem Hermes des Eratosthenes und § 23 und 
24 wieder dem Posidonius*) entnommen sind. Auch jetzt noch halte ich 
hieran im großen und ganzen fest, nur mit der Beschränkung, daß Cicero 



1) Über die Diatribe vgl. Wendland: Die hellenistisch-römische Kultur S. 41 
und: Philo mid die kynisch-stoische Diatribe S. 3 ff. 6, 63 ff. 

3) Anders Norden a. O. S. 30. 

8) Anders Diels Rh. Mus. XXXIV (1879j S. 489 ff. 

4) Norden S. 43 u. 47 f. Daß der an dieser Stelle aus Philo de somniis I, 22 
gezogene Schluß nicht zwingend ist, hat schon Mathilde Apelt in ihrer Diss. (Comm. 
phil. Jenens. VIII): De rationibus quibusdam, quae Philoni Alexandrino cum Posi- 
donio intercedunt S. 107 bemerkt. 

8) Leider habe ich dabei die Bemerkung Wendlands in v. Wilamowitz* Lese- 
buch Erl. II S. 128 übersehen, der zeigt, daß owölot ein absichtlich gewählter herab- 
setzender Ausdruck ist, und Klippen bedeutet. Cicero hat es fälschlich mit maculae 
wiedergegeben, was das Wort allerdings auch heißen kann. 

«) Schon vor mir ist Badstübner in seinem Progr. „Beiträge zur Erklärung und 
Kritik der phil Schriften Senecas" Hamburg 1901 S. 15ff. zu dem gleichen Ergebnis 
gelangt. Auch hiervon hatte ich keine Kenntnis. 



22 Jahresbericht der Schles. Gesellsdiaft fOr vaterL Cnllnr. 

seine Angaben diesen Schriftstellern nicht direkt, sondern durch Ver- 
mittelung desjenigen Autors entlieh, den er auch schon im ersten Teile 
zu Rate zog. Einmal ist dies an und für sich glaublicher, dann aber finden 
wir fast den ganzen von ihm verwerteten Stoff wieder in einem uns noch 
erhaltenen Buche, nämlich in der Jsagoge des Achilles zu den Phaenomena 
des Arat. Auch er kennt das System des Ephesiers Alexander^) ebenso 
wie das von Cicero verarbeitete Fragment des Eratosthenes (S. 63), auch 
er handelt von den Antoeken, Perioeken u. s. f. (S. 65) und vom großen 
Jahr (S. 44), wie Cicero in den §§ 20 und 24. So dürfen wir wohl den 
Schluß wagen, daß letzterem ein ähnliches Buch vorgelegen habe, aus dem 
er die ihm nötig dünkenden Notizen excerpierte. Nun haben wir aber 
zwei sichere Anhaltspunkte, um die Zeit, in der diese Schrift entstanden 
sein muß, zu bestimmen. Ihr Verfasser kannte das astronomische Gedicht 
des Alexander aus Ephesus, der etwa ein Zeitgenosse Ciceros war,^ er 
kannte aber auch den Posidonius. Denn auf diesen geht zweifellos die 
Bezeichnung der Erdinseln mit otoXoi, was Cicero falschlich durch maculae 
im § 20 wiedergibt, zurück, wie ich schon in meinen „Untersuchungen'^ 
S. 17 gezeigt habe. Diese ganze Stelle erheischt indessen eine nochmalige 
sorgfaltige und eingehende Betrachtung; ich setze sie deshalb zunächst im 
Wortlaut her: Tu enim, sagt Africanus zu seinem Enkel, quam celebritatem 
sermonis hominum aut quam expetendam consequi gloriam potes? Vides 
habitari in terra raris et angustis in locis et in ipsis quasi maculis, ubi 
habitatur, vastas solitudines interiectas, eosque, qui incolunt terram, non 
modo interruptos ita esse, ut nihil inter ipsos ab aliis ad alios manare 
possit, sed partim obliquos, partim transversos, partim etiam adversos stare 
vobis; a quibus expectare gloriam certe nullam potestis. Kann dieser 
Abschnitt in seiner Gesamtheit von Posidonius selbst herrühren, wie ich 
früher meinte? Die folgenden Ausfuhrungen werden uns hierüber auf- 
klären. Sicher ist zunächst nur das eine, daß nämlich, ich wiederhole es, 
die Benennung der Erdinseln mit cnCkoi dem Posidonius enstammt Sonst 
liegt die Sache ungefähr so : Die Welt war nach einer von vielen gebilligten 
Meinung in vier gleiche Teile geteilt ; die nördliche Halbkugel nehmen wir 
und die Perioeken, transversi, die südliche in gleicher Reihenfolge die 
Antoeken, obliqui, und die Antipoden, adversi, ein. Diese regelmäßige 
Ordnung der Erdbewohner war die Folge der Annahme, daß der ganze 
Erdball durch zwei einander sich rechtwinklig schneidende Ozeane, einen 
meridionalen und einen äquatorialen, in vier inselföimige Teile zerlegt 
werde. Krates von Mallos') war derjenige, der diese Ansicht vertrat. 
Andere hinwiederum folgten ihm zwar darin, daß sie auch von Antoeken, 



1) S. 43. ed Maass. vgl. v. Jan a. O. S. 24. 

2) Knaack bei Pauly-Wissowa I, 1448. 

3) Berger: Gesch. d. wiss. Erdkunde der Griechen S. 310. 



IV. Abteilung. Philologisch-archäologische Sektion. 23 

Perioeken und Antipoden sprachen, verzichteten aber auf den die Erde in 
zwei Hälften schneidenden äquatorialen Ozean und setzten an seine Stelle 
als trennende Schranke die heiße Zone, die SLax£xau|x£vY], von deren Un- 
bewohntheit sie ebenso überzeugt waren wie davon, daß sie auch nicht 
durchquert werden könne. Sie stützten sich hierbei auf die von Parme- 
hides begründete Zonenlehre. Er hatte zuerst von deren fünf, zwei kalten, 
zwei gemäßigten, und einer verbrannten gesprochen. Nur die gemäßigten 
sollten bewohnbar und bewohnt sein, nicht aber die anderen. Diesen Stand- 
punkt vertreten selbst noch einige der Späteren, wie z. B. Cleomedes 26, 28 ff. 
ext Sfe Sei efvat xal 7cepto£xou^ xal avxteoSa^ xal ävtoixou^ cpuatoXoYfa 
SiSaaxei, iizel ouSiv ye xouxcov xaS*' foxopfav Xi'^ezoi.i . oöxe yotp npöt; xoii^ 
TzspioUoxx; i^|itv icopeueoS-at Suvaxov Sia x6 aicXcoxov efvat xal -anrjptcoSY] 
xdv Stefpyovta iQ|ia$ octc' auxcSv (oxeavöv, oöxe 7cp6^ xoug Ix^vxag xtjv 
dvxeuxpaxov, inü aSuvaxov iq|irv xtqv Staxexauji^vyjv uTcepßYJvat. ^) 
Diese Worte geben uns zugleich eine erwünschte Erläuterung zu dem^ 
was Cicero eigentlich mit der Wendung sagen wollte: vides eos, qui in- 
colunt terram, non modo interruptos ita esse, ut nihil inter ipsos ab aliis 
ad alios manare possit, sed partim obliquos, partim transversos, partim 
etiam adversos stare vobis; a quibus expectare gloriam certe nullam po- 
testis. Ganz anders verhielt sich Posidonius dieser Frage gegenüber.^) 
Abgesehen davon, daß er außer von der durch uns bewohnten Öku- 
mene^ die die Erdteile Europa, Asien und Afrika umschloß, in vorsichtiger 
Fassung nur von einer nach Zahl, Lage und Größe unnachweisbaren 
Menge anderer Erdinseln sprach, und sich infolgedessen auch streng ge- 
nommen des Urteils über das Vorhandensein von Perioeken und Antipoden 
enthalten mußte, glaubte er auch, daß aus der einen verbrannten Zone 
des Parmenides deren drei zu bilden seien, eine gemäßigte, wohl be- 
wohnbare, die sich in ziemlicher Breite nördlich und südlich vom Äquator 
ausdehne, und daneben zwei von der Glut der längeren Zenitstellung 
der Sonne besonders schwer betroffene, kümmerlich bewohnte, die den 
nördlichen und südlichen Wendekreis in geringerer Breite umgeben. Er 
also konnte in Cicero nicht den Gedanken von der Unmöglichkeit, daß 
unser Ruhm auch zu den Bewohnern der anderen gemäßigten Zone dringe, 
erwecken. — Hieraus ergibt sich, daß der Verfasser des Buches, das 
Cicero einsah, nicht Posidonius war, wohl aber einer, der seine Lehre 
kannte, vidleicht also einer seiner Schüler. Bedenken wir nun weiter, 
daß Achilles, über dessen Quellen wir ziemlich genau unterrichtet sind,') 
in großen Partien seines Werkes den Eudorus ausbeutete, der seinerseits 
wieder von Diodorus abhing, und ferner, daß letzterer ein Zeitgenosse 



1) Martini Rhein. Mus. LU (1897) S. 354. 

^) E. Maller: De Posidonio Manilii auctore. Diss. Leipz. 1901. S. 9. Herger 
a, 0. S. 554 fif. 

3) Diels Doxogr. gr. S. 19 fif. 



16 Jahresbericht der Schles. Gesellschaft für vaterl. Gultnr. 

noch bemerken, daß man comites nicht etwa als ,, Trabanten^' im heutigen 
Sinne auffassen darf; der gemeinsame Mittelpunkt der drei Bahnen der 
Sonne, der Venus und des Mercur bleibt immer die Erde.^) 

Ist es mir gelungen, die von Cicero verwendete griechische Vorlage 
und die Art und Weise aufzudecken, wie er sie verarbeitet hat, so habe 
ich mein Versprechen zum Teil erfüllt und gezeigt, daß das die Harmonie 
der Sphären behandelnde Kapitel im Traum des Scipio als eine selbständige 
Schöpfung Ciceros bezeichnet werden darf. Trotzdem sehe ich mich ge- 
nötigt^ noch einige Bemerkungen hinzuzufügen. Zu dem vom älteren 
Africanus gleich am Anfange seiner Ofifenbarung aufgestellten Satze (§ 13), 
daß Omnibus, qui patriam couservaverint, adiuverint, auxerint, certum esse 
in caelo definitum locum, ubi beati aevo sanpiterno fruantur tritt in dem 
soeben von mir behandelten Abschnitte die weitere Bestimmung, daß eben- 
dahin nach dem Tode auch diejenigen kommen, qui praestantibus ingeniis 
in vita humana divina studia coluerunt. Beide Arten von Wohltätern der 
Menschheit treffen wir auch im Elysium Vergils an, der hierin höchst wahr- 
scheinlich dem Posidonius folgte. Ob Cicero das gleiche tat, muß dahin- 
gestellt bleiben. Jedenfalls konnte er ebenso wie Posidonius selbst diese 
Vorstellungen auch altpythagoreischen Lehren entnehmen.^) Überhaupt, 
möchte ich hier noch einmal bemerken, liegt es mir sehr fern, Einspruch 
erheben zu wollen, wenn jemand geneigt sein sollte, einzelne Sätze und 
Gedanken, wie z. B. den, daß die Menschen die Bestimmung haben, qui 
tuerentur illum globum, quae terra dicitur (§ 15), oder den anderen, daß 
die Siebenzahl der nodus omnium rerum, oder daß unser Leben auf Erden 
in Wahrheit der Tod sei (§ 14) und ähnliche aus Posidonius herzuleiten, 
nur davon kann ich mich nicht überzeugen, daß der Darstellung Ciceros 
eine auch nur einigermaßen geschlossene Komposition dieses griechischen 
Philosophen zugrunde liegt. Auch bin ich für meinen Teil eher der 
Ansicht, daß die genannten Sentenzen mehr oder minder Gemeingut der 
gebildeten Gesellschaft zur Zeit Ciceros waren, der seinerseits ebenfalls 
nach Belieben von ihnen Gebrauch machte. Jede einzelne von ihnen als 
aus einem bestimmten Autor entlehnt ansehen zu wollen, halte ich für 
aussichtslos und bedenklich. 

Endlich seien mir noch einige Worte gestattet über den Aufenthalts- 
ort, den die Seelen der Heimgegangenen nach Ciceros Darstellung ein- 
nehmen. Man darf bekanntlich nicht alle die Stellen, an denen er in 
erhabener Rede von der Fortdauer der Seele nach dem Tode redet, als 
einen Niederschlag seiner innersten Oberzeugung ansehen. Sein Glaube 
daran ruhte auf sehr schwachen Füßen. Nirgends findet sich dort, wo er 
der nüchternen Wirklichkeit gegenübersteht, also vor allem in seinen 
Briefen, auch nur eine leise Andeutung davon, daß ihn diese Hofinung 



1) Hultsch bei Pauly-Wissova U, 1859 ff. 

2) Vgl. Norden Vergils Aeneis VI. S. 3iff. 



IV. Abteilung. Philologisch archäologische Sektion. 17 

stützte und stärkte, daß sie seinen Lebensweg in Wahrheit erhellte^). So 
werden wir uns nicht wundern dürfen, wenn seine Ansichten über diesen 
Punkt nicht die genügende Festigkeit gewannen und unklar blieben ; noch 
viel weniger war er dann bestimmt und widerspruchsfrei, wenn es sich 
darum handelte, von den Schicksalen der Seele nach dem Tode und dem 
Jenseits selbst zu sprechen. Den Beweis hierfür liefert der Traum des 
Sclpio, was wiederum ein weiterer Beleg dafür ist, daß wir in ihm eine 
Kompilation Ciceros selbst zu sehen haben. Was wir hier vom Jenseits 
vernehmen, ist eine Verschmelzung gar verschiedener Vorstellungen. Die 
Fiktion, daß die Seelen der Gestorbenen auf der Milchstraße weilen, ver- 
dankt ihre Entstehung wahrscheinlich der Phantasie des Heraclides Ponticus, 
der sie dem Pythagoras als Lehre unterschob*). Cicero griff diesen Ge- 
danken auf, hielt ihn aber nicht fest. Kühne, von Posidonius' Dichtergeist 
entworfene Bilder drängten sich ein. Danach sollten die Seelen der Reinen 
und Guten auf den Mond versetzt werden, wo sie lange Zeit verweilen, 
um dann erst zu dem Weltgeist emporzusteigen und bei ihm, in seligem 
Schauen versunken, zu bleiben. Die der Schlechten und Bösen hingegen 
kommen nicht in das Elysium, sondern halten sich in iem Räume zwischen 
Mond und Erde viele, viele Jahre lang auf, bis auch sie sich dann, von 
allem irdischen Staube befreit, zunächst auf den Mond und von da aus 
in die Gefilde der ewigen Freude emporschwingen. So kehren alle Seelen, 
abgesehen von den ihrer Missetaten wegen ewig verdammten, endlich 
wieder in ihre ursprüngliche Heimat zurück. Sowohl des Heraclides wie 
des Posidonius Ansicht ist klar. Was macht nun Cicero hieraus? Zu- 
nächst versichert der ältere Africanus seinen Hörer, daß omnibus, qui 
patriam conservaverint, adiuverint, auxerint, certum esse in caclo definitum 
locum, ubi beati aevo sempiterno fruantur. Dieser Ort ist, wie wir bald 
darauf erfahren, der circus splendidissimo candore inter flammas elucens, 
also die Milchstraße. Auf sie gelangen neben den großen Staatsmännern 
und denjenigen, die im Leben die iustitia und pietas gepflegt haben, auch 
die Künstler sicut alii, qui praestantibus ingeniis in vita humana divina 
sludia coluerunt. Und was wird aus den Seelen der anderen? Auch 
hierüber gibt uns Africanus Auskunft. Eorum animi, heißt es zum 
Schlüsse, qui se corporis voluptatibus dediderunt earumque se quasi 
ministros praebuerunt impulsuque libidinum voluptatibus oboedien ti um 
deorum et hominum iura vielaverunt, corporibus elapsi circum terram 
ipsam volutantur nee hunc in locum nisi multis exagitati saeculis rever- 
tuntur. Auch sie kommen also schließlich, wenn auch nach langer Zeit, 
auf die Milchstraße; damit aber ist es mit dem abgesonderten Wohnsitz 



1) Rohde Psyche H, 25a 

•) Ebenda S. 94. Anm. 1. In späterer Zeit war dieser Glaube in weiteren 
Kreisen verbreitet. Vgl. Cumont a. a. 0. S. 328. 

1907. 2 



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LC 40.66a 

Die Mafmonis um Sphären If» Dcerp* 

Wlden^r Library 003&34G9B 





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